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Dienstag, 25. Mai 2021,

Seifersdorfer Tal. Marcus Becker: Unsere Exkursion(en) 2005, 2007 und 2011

Lesend ins Seifersdorfer Tal

 Liebe Mitglieder und Freunde der Pückler Gesellschaft

 das Seifersdorfer Tal war und ist für mich ein magischer Ort, wohl würdig, in die Arte-Reihe der „Magischen Gärten“ aufgenommen zu werden. Vor vielleicht zwanzig Jahren war ich zum ersten Mal dort, im Kopf fotografische Ansichten, vor allem aber die berühmten Kupferstiche Johann Adolph Darnstedts, die Wilhelm Gottlieb Beckers, des umtriebigen Protagonisten des Gartenenthusiasmus am Ende des 18. Jahrhunderts, Gartenführer von 1792 illustrieren. Der Bus fuhr von Dresden nach Nordosten durch die Dresdner Heide und vorbei an der Brauerei in Radeberg, woher das Bier kommt (und nicht aus der Semperoper, wie die Werbung suggeriert), und setzte mich mitten in Seifersdorf ab. Von hier hieß es, zu Fuß zum Tal zu wandern. Aber wo um Herrgottswillen sollte in dieser sanften Hügellandschaft der tiefe und enge Talgrund des Flüsschens Röder sein, an dessen Ufern Johanna Christina Margaretha – Tina! – und Hans Moritz von Brühl ab 1781 ihren empfindsamen Garten angelegt hatten? Der Weg führte aus dem Dorf hinaus, schlängelte sich durch Felder, rechts und links schlanke Obstbäume, lief auf ein Wäldchen zu, in das Wäldchen hinein und senkte sich plötzlich, während auf den immer steileren Hängen zu seinen Seiten die Baumriesen immer höher hinaufragten. Mit wenigen Schritten befand ich mich in einem dunklen Wald, lief an der „Quelle der Vergessenheit der Sorgen“ vorbei, bis der sich immer weiter absenkende Weg im rechten Winkel auf den lichten Talgrund traf. Vor mir öffnete sich ein klassischer „locus amoenus“, ein lieblicher und angenehmer Ort, und ein, wie die Wissenschaft formulieren würde, Heterotop, ein Ander-Ort, an dem eigene Gesetze gelten und der wahrlich einen solchen Initiationsweg verdiente.

Dieser erste Weg ins Seifersdorfer Tal hat sich mir tief eingeprägt. Er gehört zum intimen Schatz unvergesslicher privater Gartenerfahrungen, den jeder und jede individuell in sich trägt, für mich vergleichbar etwa mit dem verwunschenen Schlosspark von Marquardt, den ich als Kind barfuß von der Badestelle aus erkundete, dem ersten Besuch im Berliner Schulenburgpark, als die tiefstehende Sonne eines späten Sommernachmittags durch die Platanen auf die Wasserspiele des Märchenbrunnens fiel, oder der meditativen Wanderung mit den Pücklers auf dem fünf Meilen langen schnurgeraden Broad Ride im englischen Cirencester.

 

Ich war noch oft im Seifersdorfer Tal, allein, mit Freunden, Kolleginnen und Kollegen, keinesfalls zu vergessen, mit den Pücklers. Die Fotos, die hier zu sehen sind, mögen für so einige unsere Besuche von 2005, 2007 oder 2011 in Erinnerung rufen. Immer spielten, wie bei jedem Gang in jeden Garten, die Jahres- und Tageszeit, das Wetter und nun auch der Klimawandel ihre Rolle. Eines Hochsommers hatte ich die Aufgabe, die einst über 40 Gartenszenen mit den Überresten ihrer Staffagebauten und Monumente für ein Forschungsprojekt durchzufotografieren. Es goss in Strömen, aber am Abend ging mein Zug zurück nach Berlin. Das Wasser floss in Strömen die Hänge des Tals hinunter, ich glitschte teilweise auf allen vieren die steilen Pfade entlang, die weißen Flecken auf meinen Fotos waren die Reflexe des Blitzlichts in den Regentropfen, ich hatte keinen trockenen Fetzen mehr am Leibe (ebenfalls ein unvergessener Besuch; die entstandenen Fotos selbstredend nicht zu verwenden).

Seit 1990 hat sich der Verein Seifersdorfer Thal e.V. unermüdlich um diesen einzigartigen frühen Landschaftsgarten gekümmert und dabei manche herben Rückschläge einstecken müssen. Getrost dürfen seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter den Gedenkstein „Den freundlichen Pflegern dieses Thales“ von 1824 nun als sich selbst gewidmet betrachten (https://tinathal.org/ – Sie können auch spenden…!) Hochwasser ließen die muntere Röder zum Ungeheuer werden, das die Anlagen an den Ufern verwüstete, aber völlig unerhört und nie bisher gesehen war der Tornado am Pfingstmontag 2010, der aus dem Baumbestand der Hänge ein Mikadospiel für Giganten machte. Bei unserem Besuch 2011 lagen noch unzählige der Stämme, für schweres Gerät kaum erreichbar, wild durcheinander, und der Charakter des Tales hatte sich verändert. Manche Partie sah nun wieder aus wie auf den Kupferstichen Darnstedts mit ihrem lichten (und jungen) Baumbestand. Den größten Schock aber bereitete mir der Zustand des einst mystischen Waldes, durch den beim ersten Besuch mein Seifersdorfer Initiationsweg geführt hatte. Das hohe Kronendach war zerlöchert, das Sonnenlicht fiel breit auf den Weg, nicht wenige Hangstellen waren völlig kahl. Der Zauber stellte sich nicht mehr ein. Hochwasser, Tornado, Klimawandel.

Ach ja, apropos Darnstedt und Beckers „Seifersdorfer Thal“ von 1792. Noch immer können wir, liebe Pücklers, nicht auf gemeinsame neue Gartenexkursionen gehen. Was tröstet? Erinnerungen an frühere Besuche mittels Fotos? Ein bisschen. Hier ein weiterer Vorschlag: Stellen wir uns an wie die Gartenenthusiasten des späten 18. Jahrhunderts! Das Seifersdorfer Tal war weiland hochberühmt – das sollte es auch sein, hatten doch die Brühls all ihre kargen finanziellen Mittel auf die Anlagen verwendet, um mit dem modischen Medium Gartenkunst den ramponierten Ruf ihrer Familie wiederherzustellen. Aber nur vergleichsweise wenige Besucher und Besucherinnen fanden ihren Weg auch tatsächlich nach Seifersdorf. Goethe und Schiller lästerten über Tina, schickten aber nur Wieland als Weimarer Kundschafter. Tout le monde redete und urteilte über den Garten, scheute aber die beschwerliche Kutschfahrt, las lieber über die Anlagen und betrachtete ihr Bild im Kupferstich. Der ehrliche Gottlob Heinrich Rapp gab das im „Taschenkalender auf das Jahr 1795 für Natur- und Gartenfreunde“ auch unumwunden zu: „Betröge ich mich zuweilen in meinem Urtheil, so falle es den Kupfern zur Last, die mich die Sache so sehen lassen, wie ich sie jezt sehe, da ich das Vergnügen entbehren muß, in diesem schönen Hain selbst lustzuwandeln.“ Und um Seifersdorf zu besichtigen, müsse man, wie Heinrich August Ottokar Reichard 1793 in seinem „Guide des Voyageurs en Europe“ behauptete, Beckers Gartenbeschreibung zur Hand haben. Oder man blieb gleich im Fauteuil sitzen.

Wilhelm Gottlieb Beckers (keine Verwandtschaft!) „Das Seifersdorfer Thal“ von 1792 finden Sie hier mit allen Kupferstichen Johann Adolph Darnstedts bequem als pdf. Wer weiter in die literarischen Imaginationswelten der Gartenenthusiastinnen und -enthusiasten dieser Zeit eintauchen möchte, findet auch gleich hier den passenden Lesestoff, denn Becker hat, um die 176 Seiten zu füllen, ausführlichste Auszüge aus den Büchern mitgeliefert, aus denen die Brühls ihre programmatischen Gartenszenen entwickelt hatten: Gedichte von Petrarca, Romane von Laurence Sterne, Erzählungen von Jean-Francois Marmontel… Und wer immer noch nicht genug hat, kann sich zur Geschichte des Seifersdorfer Tals unkompliziert einen Überblick mit dem sehr guten Wikipedia-Artikel verschaffen (https://de.wikipedia.org/wiki/Seifersdorfer_Tal) oder mag sich, wenn er oder sie Lust hat, mit der Geschichte auch nur einer der Gartenplastiken des Tals beschäftigen, mit dem kleinen gusseisernen Amor, der zwei Sanduhren in die Höhe reckt (hier auch als pdf in zwei Kapiteln meiner Studie zu Antikenkopien, die um 1800 u.a. als Gartenplastiken Verwendung fanden). Zum Schluss sei gesagt: den Amor haben wir uns auch schon gemeinsam im Seifersdorfer Tal angeschaut, seinen hölzernen Tempel aber hatten Besucher schon in den 1870er Jahren abgebrannt…      

(Fotos von Marcus Becker, Michael Niedermeier, Christa Hoffmann)

Amortempel ohne Tempel, aber mit Amor

Anna Amalia im lichten Frühling

Blick ins Tal

 

Blick von der Schöpfe-schweigend-Quelle zum Denkmal des Vaters der Gräfin

 

Den freundlichen Pflegern dieses Thales

 

Der Einfall muß die grammatische Unrichtigkeit entschuldigen (Körner 1787)

 

Die Pücklers am Altar der Tugend

 

Die Pücklers dokumentieren (2007)

 

Die Röder (friedlich) (2005)

Heitere Diskussion mit Kathrin Franz (2011)

Hermanns Denkmahl - 1 Die Pücklers (Michael Seiler) sind unten

Hermanns Denkmahl - 2 Pücklers sind oben

 

Nach dem verheerenden Tornado vom Pfingstmontag 2010: furchbare Zerstörung des wiederhergestellten Landschaftsdenkmal. Die Exkursionsteilnehmer sahen 2011 die Katastrophe und staunten über die wiedergewonnene Energie der Gartenfreunde, die den Mut nicht verloren hatten und mit der Rekonstruktion erneut begonnen haben.

Weitere Informationen...

Dienstag, 08. Juni 2021,

Die Gärten von Ermenonville (in Vorbereitung)

In einer Zeit, in der wir uns nicht wie gewohnt zu Veranstaltungen über Themen der Gartenkunst treffen und gemeinsam Exkursionen in historische Gärten unternehmen können, werfen wir unseren Blick zurück auf Höhepunkte vergangener Jahre. Auf unserem Programm steht diesmal der weltberühmte Garten von Ermenonville, rund 50 km nordöstlich von Paris gelegen.

Der Marquis René Louis de Girardin hatte ihn in den Jahren 1769 - 1776 geschaffen. Die Pappelinsel, auf der der Philosoph Rousseau seine erste Ruhestätte fand, erlangte Berühmtheit und wurde als ein Sinnbild der neuen landschaftlichen Gartenkultur in vielen Gärten Europas nachgestaltet und zitiert.

Im Jahre 2007 hatten wir das Mitteilungsheft dem Garten von Ermenonville gewidmet. Uns ging es seinerzeit auch darum, auf diese damals ziemlich vernachlässigte Gartenanlage ein größeres Publikum aufmerksam machen und so zu helfen, das Interesse an der Rekonstruktion dieses bedeutenden Denkmals der frühen Landschaftsgartenkunst zu wecken. Wir wollen nun den Band "Die Gärten von Ermenonville" in digitalisierte Form allgemein zugänglich machen und an unsere gemeinsamen Beschäftigungen mit diesem Garten und die früheren Exkursionen erinnern.

 

Auf dem Lande lernt man die Menschen

lieben und schätzen, in der Stadt

lernt man sie verachten.

J. J. Rousseau

 

Pappelinsel mit dem Rousseau-Grab und der Temple de la Philosophie Moderne (Foto: Michael Niedermeier)

 

 

Georges Louis Le Rouge: Le Jardin D'Ermenonville levés sur le Lieux par le Rouge. Ing. en 1775